Zum Osterfest 1948 hörten die Menschen in Werne zum ersten Mal den Klang des Geläuts von St. Christophorus, wie es sich bis heute weitgehend erhalten hat. Im Zweiten Weltkrieg waren die Glocken der Pfarrkirche bis auf eine vom Turm geholt und eingeschmolzen worden. Die Kriegsproduktion benötigte das wertvolle Rohmaterial für Kanonen und Geschosse.
Einzig und allein die älteste Glocke von St. Christophorus blieb im Turm: die Katharinenglocke. „Sie wurde 1423 gegossen und ist wahrscheinlich nicht nur die älteste, sondern auch die erste Glocke der Kirche gewesen", sagt Wilhelm Bülhoff, der von 1960 bis 2003 Küster in St. Christophorus war. Der Glockenguss fiel in jenes Jahr, in dem die Vikarie St. Katharina gestiftet wurde. Diese Stiftung gab der Glocke ihren Namen. Gestiftet wurden Vikarie und Glocke von dem Cappenberger Kanoniker Everhard von Werne. Den Einsturz des Kirchturms von St. Christophorus 1446 überstand die Glocke.
Bis 1768 kamen weitere Glocken zum Geläut: eine Christophorus-Glocke von 1473 (Ton „des"), eine „Bimmel" von 1508, eine Johannes-Glocke von 1640 (Ton „f"), eine Glocke von 1768 (Ton „as"). Die Christophorus- und die Johannesglocke zersprangen Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie wurden 1854 neu gegossen, wobei die zweite Glocke jetzt dem heiligen Joseph geweiht wurde. Diese beiden großen Glocken überstanden den Ersten Weltkrieg nicht. Sie wurden eingeschmolzen und erst 1922 ersetzt.
Glocken-Maskerade
Im März 1940 erließ Hermann Göring ein Gesetz, nach dem alle Glocken zu beschlagnahmen waren. In Werne wurden 1942 folgende Glocken vom Turm geholt: die beiden Glocken von 1922, die as-Glocke von 1768 und die kleine „Bimmel" von 1508. Mit einem Trick gelang es dem Küster Heinrich Kroes, die kunsthistorisch und klanglich wertvolle Glocke von 1508 zu retten. Davon berichtet sein späterer Nachfolger Wilhelm Bülhoff. Die kleine Glocke hatte die gleiche Größe wie die Glocke des ehemaligen Vincenzstiftes. „Diese war im Ton aber minderwertig und vor allem nicht registriert", erzählt Bülhoff. Kurzerhand mischte Kroes in der väterlichen Malwerkstatt einen Pott Farbe. Damit färbte er die Vincenzglocke um und schrieb darauf die Registriernummer der 1508er-Glocke. Die Maskerade fiel nicht auf, die „Bimmel" von 1508 wurde auf dem Kirchengewölbe versteckt.
Bürger sammeln Metall für Glockenguss
Kurz nach dem Krieg radelte der Küster Heinrich Kroes zur Kupferhütte in Lünen – in der Hoffnung, dort noch eine der Glocken von St. Christophorus zu finden. „Mit Lebensmitteln bestach Kroes die Verantwortlichen der Kupferhütte und durfte die aufgereihten Glocken abschreiten", erinnert sich Wilhelm Bülhoff. Schon von weitem erkannte er die Werner as-Glocke und bewies dies, indem er einem Mann auf dem Gelände die Inschrift auswendig zurief.
Um das Geläut zu vervollständigen, ergriffen Joseph Schäper, der Karosseriebauer Heinrich Spermann und der Stadtkämmerer Franz Bülhoff die Initiative. Für Geld war in den ersten Nachkriegsjahren kaum etwas zu haben. Und so sammelten die drei Zinn und Kupfer in Werne und seiner Umgebung. Daraus ließen sie bei der Gießerei „Petit und Edelbrock" in Gescher vier neue Glocken gießen. Nur passte die wiederentdeckte as-Glocke wegen eines Fehlers in der Obertonreihe nicht mehr ins neue Geläut und wurde umgegossen.
Zwei neue Glocken für das Geläut
Das Geläut bestand jahrzehntelang aus der historischen Katharinenglocke und den vier Glocken aus Gescher. In jüngster Zeit kamen zwei neue Glocken hinzu: 2015 die Magdalenenglocke aus dem Heilig-Geist-Hospital. 1907 war das Hospital an der Ecke Magdalenengasse/Kleine Burgstraße abgerissen worden; die Glocke aus der Hospital-Kapelle geriet auf dem Dachboden der Alten Dechanei in Vergessenheit. Nach der Kirchenrenovierung Mitte der 1990er-Jahre sollte sie als Anschlagglocke in der Kirche zu neuen Ehren kommen. Ihr markerschütternder Ton, ein dreigestrichenes des, verhinderte das jedoch. Im Glockenstuhl fügt sie sich jedoch harmonisch in den Zusammenklang ein. Seit Dezember 2016 vervollständigt eine siebte Glocke mit hellem Schlagton die Klangharmonie. Sie wurde 1832 in Italien gegossen und der Gemeinde sozusagen als Weihnachtsgeschenk von einer Werner Familie gestiftet.
Das Geläut von St. Christophorus:
Kreuzglocke, Ton b°, gegossen 1948 von Petit & Edelbrock in Gescher
Christophorusglocke, Ton des', gegossen 1948 von Petit & Edelbrock in Gescher
Katharinenglocke, Ton es', gegossen 1423 von Franz/Hans Haller
Josefsglocke, Ton f', gegossen 1948 von Petit & Edelbrock in Gescher
Johannesglocke, Ton as', gegossen 1948 von Petit & Edelbrock in Gescher
Jakobusglocke, Ton b'', gegossen 1832 in Italien
Magdalenenglocke, Ton des''', gegossen im 19. Jahrhundert
Literatur: Wilhelm Bülhoff, Sie rufen zum Gottesdienst – unsere Glocken, in: in: 1200 Jahre Christen in Werne, hg. von der Katholischen Pfarrgemeinde St. Christophorus, Werne 2003, S. 242–250; Anke Schwarze, Nur eine Glocke überdauerte, in: Westfälischer Anzeiger, Ausgabe für Werne/Bergkamen/Herbern, 8. April 2015; Bernd Kröger, Magdalenen-Glocke erklingt am Samstag zum ersten Mal, in: Westfälischer Anzeiger, Ausgabe für Werne/Bergkamen/Herbern, 1. Oktober 2015; Jürgen Menke, Glocke von 1832 ergänzt Christophorus-Geläut, in: Westfälischer Anzeiger, Ausgabe für Werne/Bergkamen/Herbern, 23. Dezember 2016
Text: Dr. Anke Barbara Schwarze