Fast 70 Frauen und Männer aus der St. Christophorus-Gemeinde fuhren am 8. April 2016 mit dem Bus nach Gescher, zur Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebrüder Edelbrock. Sie ist eine der wenigen Glockengießereien, die es in Deutschland noch gibt. Der Guss einer Kirchenglocke ist ein seltenes Spektakel geworden. „Wenn wir im Jahr ein bis zwei große Glocken gießen, ist das schon viel“, erklärte Ellen Hüesker. Sie führte die Gäste aus Werne am Freitag vor und nach dem Glockenguss durch die Gießerei; ihr Mann Hans-Göran Hüesker setzt derzeit die über 300 Jahre alte Firmengeschichte fort. Größter Glockenofen Deutschlands Ellen Hüesker zeigt den Besuchern zunächst die Lehmkammer, danach die große Glockengrube, in der bis vor wenigen Tagen auch die Formen für zwei neue Glocken gestanden haben. Sie sind bestimmt für die Marienkapelle in Horst. Außerdem befindet sich in diesem Raum der größte Glockenofen Deutschlands, in dem maximal 13 Tonnen Metall geschmolzen werden können. So viel werden für die Horster Exemplare bei einem Glockengewicht von 180 Kilogramm nicht annähernd gebraucht. Sie werden daher aus dem Schmelztiegel gegossen, in einem anderen Raum. „Mit Sturm und Feuersgluten“ Dort lodert der Schmelzofen bereits seit mehreren Stunden, um die Bronze auf die nötige Temperatur von 1150 Grad zu bringen. Ellen Hüesker muss jetzt fast schreien, um das Brausen des Ofens zu übertönen. Vier Facharbeiter in Schutzanzügen – Heinrich Sicking, Michael Hörnemann, Andreas Grape und Siegfried Thiery – kreisen um den heißen Brei. Einer von ihnen rührt in dieser sogenannten „Glockenspeise“, die in Gescher aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn besteht. Angeleitet von Sicking verteilt sich die Gruppe im Raum. Liedzettel gehen von Hand zu Hand. Eine gespannte Erwartung breitet sich aus. Kaum jemand spricht. Alle schauen zum Ofen, aus dem orangefarbene Flammen hochschlagen. Und dann heißt es „Ist soweit“. Pfarrdechant Jürgen Schäfer stimmt das erste Lied an, alle singen: „Der Geist des Herrn erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten.“ Im Raum verstummt das Brausen des Ofens, der rotglühende Schmelztiegel wird mit einem Kran herausgezogen. Mit einer Zange holt ein Arbeiter etwas Lavaähnliches aus dem heißen Tiegel und lässt es auf den Boden fallen. „Schlacke“, murmelt Willi Bülhoff fachkundig. Der frühere Küster von St. Christophorus hat schon einmal einen Glockenguss gesehen. „Das war in den 1970er-Jahren in der Eiffel“, erinnert er sich. Bronzeguss nach alter Sitte Die Arbeiter haben den Schmelztiegel auf einem Gestell abgesetzt und tragen dieses nun zu den beiden im Boden eingegrabenen Glockenformen. Schäfer spricht ein Gebet und segnet die Glockenspeise. Es ist 15 Uhr, die Todesstunde Christi. Nach alter Sitte werden Glocken nur freitags zu dieser Zeit gegossen. „Im Namen Gottes“, ruft Heinrich Sicking. Dann lässt er die glühende Bronze aus dem Schmelztiegel in die erste Glockenform fließen. Außer den Kommandos, die er und seine Kollegen sich zurufen, ist kein Mucks zu hören. Nach wenigen Minuten sind die Formen gefüllt. Mit der Anrufung Gottes, erklärt Sicking später, eröffnen die Gießer traditionell den Bronzeguss. „Und das ist nicht nur Gerede, sondern ernst gemeint“, sagt er. Seine Chefin bestätigt: „Das erinnert uns an den Sinn und Zweck unseres Tuns.“ Dann bittet sie die Gruppe nach draußen, wo Fragen über Fragen auf sie einprasseln. Was alle wissen wollen: Wie lange die Glocken brauchen, um auszuhärten. „Die kühlen gemütlich übers Wochenende aus, Montag legen wir sie frei“, sagt Ellen Hüesker. Mit Handschuhen müsste man die Glocken zu dem Zeitpunkt aber immer noch anfassen. Schließlich würden die Glocken gereinigt und musikalisch geprüft, bevor sie im Glockenstuhl der Marienkapelle montiert werden. Die Glocken wurden am Pfingstsonntag 2016 geweiht.